Evangelischer Verein für Innere Mission Frankfurt am Main

Pilgern – woher, wozu, wohin?

Ich bin dann mal pilgern: Der Lutherweg 1521

„Irgendetwas wird dieser Weg schon in mir verändern“, ahnte Hape Kerkeling* im Jahr 2001 zu Beginn seiner erlebnisreichen Pilgerreise auf dem Jakobsweg nach Santiago des Compostela. Der deutsche Entertainer, der sich selbst als „couch potato“ bezeichnete, begann den schicksalsvollen Weg als Suchender und kehrte sechs Wochen später als veränderter Mensch zurück.

Spätestens seit der Erscheinung des Bestsellers „Ich bin dann mal weg“, dem im Jahre 2006 erschienenen Reisebericht des Hape Kerkeling, erfreut sich das Pilgern großer Beliebtheit. Pilgern ist „in“, das Beten mit den Füßen boomt.  

Nicht länger nur Teil der katholischen spirituellen und geografischen Landschaft oder allein den besonders Frommen vorbehalten, genießt das Pilgern ein Comeback, oder besser: eine neue Ausrichtung. Gut 500 Jahre nach Beginn der Reformation sind auch nicht wenige evangelische Christen dabei, das Pilgern – in der evangelischen Tradition lange verpönt – neu zu entdecken und ihm eine eigene Prägung zu geben.  

Das Pilgern im Mittelalter erfreut sich großer Beliebtheit

Im Mittelalter erlebte das Pilgern einen regelrechten Boom. Drei bedeutende Fernpilgerziele waren es, zu denen Christen in ihrem Leben pilgern konnten: Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela. Das Ziel einer Pilgerreise konnte aber auch jeder als heilig betrachtete Wall-fahrtsort sein, z.B. eine Kirche oder das Grab einer Heiligen.

Schon vor Martin Luther gab es Kritik an der mittelalterlichen Praxis des Pilgerns. Man solle das Gute nicht an Wallfahrtsorten, sondern im Herzen suchen, meinte Nikolaus von Kues. Auch der Humanist Erasmus von Rotterdam glaubte, dass man Gott besser dadurch diene, wenn man zu Hause bleibe und sich um Familie und Arbeit kümmere.

 

„Lauf nicht dahin“: Pilgern als „Narrenwerk“

Es mag zunächst ironisch oder gar widersprüchlich erscheinen, wenn man einerseits über die erfreuliche Neuentdeckung des Pilgerns wie die vielversprechende Neuausrichtung des „Lutherwegs 1521“ nachsinnt, während man sich andererseits mit dem entschiedenen Pilger-Gegner Martin Luther befasst. Denn in der Tat war der Reformator kein Befürworter der damaligen Pilgerpraxis.

Mit seiner Kritik am Pilgerwesen hatte Martin Luther vor allem den „Ablass" der damaligen Kirche im Visier, dass man also mit Geldleistungen, durch Pilger- und Bußgänge sich ein Stück vom himmlischen Seelenheil erkaufen könne. Der Reformator geißelte das Pilgern als Teil eines Systems, welches auf Selbsterlösung ziele. Kritisch betrachte er die Praxis, wonach ein Mönch in der Kirche „den Pilgern Zeichen und Bildlein, dass weder Singen noch Lesen da-selbst mehr geschieht“ verkauft („An den christlichen Adel Deutscher Nation“, 1520).

Ferner meinte der Reformator, dass die Ortsgemeinde durch die Betonung auf „heilige Orte“ abgewertet würde. Pilger, so Luther, suchten oft bloß Abwechslung in der Fremde und ver-nachlässigten dabei ihre Verantwortung zu Hause, anstatt zu Hause auf Pilgerreise zu gehen, also „durch unsere Gedanken und Herzen zu Gott spazieren“ und „mit den Füßen des Her-zens und Gemüts wandeln.“

Freilich fällt die Wallfahrtskritik der Reformatoren Johannes Calvin und Huldrych Zwingli noch radikaler aus. Die Wallfahrtspilger, so der Schweizer Zwingli, handelten „ja nit allein närrisch, sunder ouch antchristenlich.“

Es greift aber zu kurz, wenn man Luther allgemein als Pilger-Gegner bezeichnet. Zweifelsohne wandte sich Luther zusammen mit anderen führenden Reformatoren gegen das Pilgerwesen, jedoch als Teil der damaligen, aus ihrer Sicht überhandnehmenden und mit Aberglauben und Ablasshandel verbundenen Praxis. Schon Thomas von Kempen hatte in seiner Schrift De imitatione Christi bereits gut hundert Jahre zuvor kritisch vermerkt:

„Wer viel pilgert, wird selten heilig.“

Wer einen kurzen Blick auf die Praxis im Spätmittelalter wirft, kann womöglich die reformatorischen Bedenken besser verstehen. Sogenannte Berufspilger ließen sich damals von wohlhabenden Menschen bezahlen, um im Namen ihrer Auftraggeber eine bestimmte Strecke zu absolvieren. Auch andere Trittbrettfahrer nutzten die großzügigen Rechte, die es jedem Pilger zu dieser Zeit erlaubten, zollfrei zu reisen und umsonst verpflegt und untergebracht zu werden, reichlich aus. Dabei wurde der eigentliche Sinn des Pilgerns völlig verkehrt.

Unter der Kritik der Reformatoren – Luther bezeichnete das Pilgern bekanntlich als „Narrenwerk“ – nahm das Pilgern stark ab. Weil es aus reformatorischer Sicht Teil eines Systems war, das von Heiligenverehrung und Aberglaube geprägt war, wurde das Pilgern abgelehnt. Über den Jakobsweg nach Santiago de Compostela soll Martin Luther sogar gespottet haben: „Lauf nicht dahin, man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt." 

 

Die Pilgerreise wird zur Metapher

Nach dem Boom im Mittelalter blieb das Pilgern bis weit in das vergangene Jahrhundert hinein eine Beschäftigung, die nur wenige Menschen für sich entdeckten. Während die Protestanten sich vom Pilgern als einer Reise zu einem bestimmten Ort abwandten und als gutes Werk ablehnten, entwickelte sich dagegen der Gedanke des Lebens als Pilgerreise zu einem kraftvollen, fruchtbaren Bild. Die lebhafte Fähigkeit des Pilgergedankens, die Imagination zu prägen, erkennt man in den Werken einiger Schriftsteller nach der Reformation, bei denen der Begriff Pilgerreise als eine Metapher für das christliche Leben vertieft wird. Allegorische Werke wie John Bunyans „Pilgrim’s Progress“ (1678) heben hervor, dass das innere Leben und das erkämpfte Vorwärtskommen als Christ in der Welt als eine Art Pilgerreise verstanden werden kann. 

Mit der Zeit wurde auch die Pilgerbewegung reformiert: Die Beweggründe des Pilgerns sind in der breiten Masse nicht länger von Zwang und festen Regeln geprägt, sondern gelten meist als freiwillig und individuell. Die Strecke muss beispielsweise nicht mehr in einer bestimmten Anzahl von Tagen zurückgelegt werden. Die einstigen Grenzen zwischen Wallfahrt und Pilgerreise lösen sich auf in den positiven Begegnungen und Erlebnisse unterwegs, die den eigentlichen Reiz und das Ziel der Reise ausmachen und für nicht wenige nun in den Vordergrund treten. Weil die Motivationen zum Pilgern heute meist andere als im Mittelalter sind, kann man sich kaum vorstellen, dass Martin Luther und die Reformatoren – wenn sie heute noch lebten – nicht selbst mit von der Partie wären. Hat der Reformator einst im Jahr 1521 auf dem Weg nach Worms nicht selbst innegehalten und nachgedacht, gesungen und gebetet und auf Gottes Stimme gehört?

 

Der Lutherweg 1521

Quer durch Hessen zieht sich der Weg, den Martin Luther im Frühjahr 1521 auf seiner Reise von Wittenberg zum Reichstag nach Worms und zurück zur Wartburg nahm. In den letzten Jahren wurde dieser historische Weg beschildert und als ausgestaltete Wanderweg begehbar gemacht. 2017 – als Teil des 500-jährigen Reformationsjubiläums – wurde er feierlich eingeweiht.

Nach den historischen Überlieferungen nutzte der Reformator die alte Handelsstraße „Kurze Hessen“ aus Thüringen kommend über Berka an der Werra, durch den Landkreis Bad Hersfeld-Rotenburg, Vogelsberg und Wetteraukreis bis Frankfurt am Main und dann weiter über Oppenheim am Rhein durch die rheinland-pfälzischen Landkreise Mainz-Bingen und Alzey-Worms zur Lutherstadt Worms. (Die langen und die kurzen Hessen waren im Mittelalter zwei bedeutende Verkehrswege, auf denen man zwischen den beiden Messestädten Frankfurt und Leipzig über Eisenach reisen konnte. Der Name reflektiert die Länge der Strecke, welche auf dem Hoheitsgebiet der Landgrafschaft Hessen zurückgelegt werden musste.)

Auf der ca. 360 km langen Strecke zwischen den Lutherorten Eisenach und Worms gibt es zahlreiche Städte und Orte, durch die Luther gereist ist. So erinnern Straßen und Brücken, Wegekreuze und markante Bäume wie z.B. Luthereichen, Lutherbuchen und Lutherlinden an den beschwerlichen Weg Martin Luthers durch Hessen und Rheinhessen. Auch tragen zahlreiche Kirchen den Namen des Reformators. Der Lutherweg bietet Pilgern und Wanderern nicht nur die Möglichkeit, sich an das Leben und Werk Martin Luthers zu erinnern, sondern auch alleine oder mit anderen aufzubrechen und kontemplativ unterwegs zu sein. Die Pilger-Wanderstrecke nutzt vorhandene gut begehbare Wanderwege, die zum Teil auch für Radfahrer geeignet sind. 

 

Vita est peregrinatio.

Die lateinische Wurzel des deutschen Begriffs „pilgern“ – peregrinus – bedeutet so viel wie „in der Fremde sein“ und vermittelt deshalb die Möglichkeit für Menschen unterschiedlicher (religiöser) Traditionen, sich auf einen neuen Weg zu machen und Ungewöhnliches in der Fremde zu entdecken. Im Kirchenlatein als pelegrinus abgewandelt wird eine Person be-zeichnet, die aus religiösen Gründen in die Fremde geht, zumeist eine Wallfahrt zu einem Pilgerort unternimmt. Die Fremde soll der Ort sein, an dem man Neues erfährt über sich selbst wie über mögliche Mitgefährten und womöglich auch über Gott, Anfang und Ziel aller Wege.

Auffallend ist im Übrigen, dass der Wanderfalke, der wie das Pilgern in den letzten Jahren in Europa eine Art Comeback erlebt hat, dieselbe Wurzel in seinem lateinischen Namen trägt: Falco peregrinus. Für den modernen Pilger (Homo peregrinus) könnte der seltene Wanderfalke sogar als ein Leitbild oder Begleitsymbol dienen, wenn man über die eigenen Grenzen hinausgehen will. Zum Wesen des Wanderfalken, der etwa beim Sturzflug als Schnellster in Gottes Schöpfung gilt, gehören unter anderem eine besondere Sehkraft und der weite Blick. Selbst aus 100 Meter Entfernung könnte der Wanderfalke theoretisch den Lutherweg-Pilgerführer mühelos lesen. Unterwegs in der Fremde profitiert der Wanderfalke stets vom weiten Blick.

 

Pilgern bewegt Körper und Geist

Wohl kaum sind heute Pilger aus den gleichen Gründen wie im Mittelalter unterwegs. Heute suchen pilgernde Menschen Ruhe, Einfachheit und Entspannung vom Stress in Alltag und Beruf. Sie suchen Abstand vom Gewohnten und Antworten auf ihre Sinnfragen. Sie möchten loslassen und sich aus der Hand geben; nicht wenige starten als Wanderer und kommen als Pilger an.

Die Motivation, sich religiös orientiert auf die Reise zu begeben, ist äußerst vielfältig. Es wäre allerdings falsch zu behaupten, dass die Menschen in früheren Zeiten fast ausschließlich aus religiösen Motiven gepilgert sind, und dass der Weg, auf den sich Menschen heute begeben, weniger spirituell sei. Auch auf einer Reise zu sich selbst kann man Gott begegnen. Pilgern wird vielerorts wieder entdeckt als das, was Hippocrates, der berühmte Arzt der Antike, mit dem Zitat „Gehen ist des Menschen beste Medizin" meint: eine ganzheitliche Bewegungskur für Leib und Seele.

Das Pilgern ist kein statisches Konzept, sondern lässt sich stets neu entdecken, gestalten und von Gottes Geist leiten. Es geht darum – in Anlehnung an die Herkunft des Wortes – sich auf neues Terrain zu begeben und über sich hinaus zu gehen. Und so wie einst Elia unterwegs in der Fremde wird man vielleicht hin und wieder Gott selbst begegnen, gar ein „stilles, sanftes Sausen“ erfahren (vgl. 1. Könige 19,12).

 

Evangelisch orientiertes Pilgern

Obwohl das „evangelische“ Pilgern von anderen Formen des Pilgerns nicht scharf trennbar ist, gibt es jedoch einige Merkmale, die „typisch evangelisch“ sind, z.B. die zentrale Rolle der Bibel, die voller Weg- und Pilgergeschichten ist, die Betonung auf Begegnung und Erlebnisse unterwegs sowie die Einstellung, das Ziel der Pilgerreise sei nicht in erster Linie eine Kirche oder ein konkreter Ort, sondern ein Weg mit Gott. So wird der Weg von Gebeten und spirituellen Impulsen begleitet und das Ziel mit dem Nachdenken über den Glauben und den Sinn des Lebens bewusst verbunden. Nicht wenige versuchen, den Schatz lutherischer Spirituali-tät einzubringen und die eigene Symboltradition anschlussfähig zu machen für das Erleben der Pilger.

Der evangelischen Tradition entsprechend lauert manchmal die Gefahr, dass eine Pilger-veranstaltung etwas wortlastig wird bzw. alles auf dem Weg erklärt wird. Gerade an dieser Stelle könnten die beiden Stärken – evangelische Freiheit und Vielfalt – helfen, um Veran-staltungen und Angebote für alle Sinne auf die Beine zu stellen.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Dr. Volker Jung, bringt es auf den Punkt: „Wer pilgert, macht sich besonders bewusst, dass man als Mensch immer auf einem Lebensweg unterwegs ist. Einen Pilgerweg bewusst zu gehen, regt an, neu über das eigene Leben und über Gott nachzudenken. Wo wird mich mein Weg hinführen? Was gibt mir Kraft für den Weg, den ich gerade gehe und für die nächste Etappe? Das sind Fragen für den Pilgerweg und den Lebensweg mit Gott.“

 

Dr. Jeffrey Myers, Projektleiter Lutherweg 1521

___________________

*Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg. Malik, München 2006